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1:4 kündigt das Straßenschild an. Auf den nächsten 40 Metern Straße sind 10 Höhenmeter zu erklimmen. Wer auf den letzten mit 1:8 beschilderten Kilometern mit den Kräften nicht gewirtschaftet hat, erlebt sein Waterloo. Die anderen gehen aus dem Sattel und nach wenigen Augenblicken ist die Einlage bewältigt. Am Abend am Kaminfeuer in der Hotelbar kann man über die Kräfteprüfung lachen, während man den Rundkurs für den nächsten Tag absteckt.
Nördlich von England erstreckt sich ein rauhes Land, dessen Charme sich kein Besucher entziehen kann. Wanderer lieben seine kahlen Berge, Radfahrer die einsamen Straßen, Romantiker die mit den Orten verbundenen Geschichten und Legenden. Die gastfreundlichen Einwohner runden das Bild Schottlands ab. Kaum jemand wünscht nicht, sobald wie möglich wiederzukommen.
Unter Rennradfahrern ist Schottland relativ unbekannt. Dabei hat es mit grandiosen Landschaften und großteils wenig befahrenen Straßen vieles für den Eindrücke suchenden Trainierenden zu bieten. Es gibt lange, relativ flache Strecken, auf denen man einen Teil der Strecke gegen einen oft steifen Wind angehen muss, um auf einem anderen Teil des Rundkurses von eben dem Wind über das Land förmlich getragen zu werden. Die relativ kurzen Steigungen bergen manchmal einen kleinen Leckerbissen. Selbst auf den Hauptstraßen geht es hin und wieder einige Meter bei 20% steil bergauf. Wer Berge mag, wird an Schottland seine Freude haben, auch wenn wirklich anspruchsvolle Pässe gänzlich fehlen.
Noch abwechslungsreicher als das Straßenprofil sind die visuellen Eindrücke. Berge, Moore, Felsen und Wälder. Schottland ist überall ähnlich und gleichzeitig überall einmalig. Kein Berg ist wie der andere. Keine Strecke gleicht der anderen. Nur die Gewässer scheinen alle lang und schmal zu sein. Eingezwängt zwischen Bergen wirken Seen und Fjorde oft wie überbreite Flüsse.
Land der Regenbogen
Bei einem Besuch Schottlands wird man das Spiel der Elemente am Himmel erleben. Alle Wetterphänomene meist sehr eng räumlich und zeitlich begrenzt. Ein schottisches Sprichwort besagt: "If you don't like the weather, wait a moment". Entsprechend kann man, wenn man es gemütlich angehen lässt, bei einem Schauer eine Kaffeepause in einem der vielen Hotels, Pubs und Inns auf dem Weg einlegen. Die guten lokalen Wettervorhersagen erlauben es aber für gewöhnlich, dem durchschnittlich einem Regenschauer am Tag durch Streckenplanung auszuweichen.
Reisezeit
Empfehlenswert ist der Mai, der Monat mit den statistisch meisten Sonnentagen. Die Tagestemperaturen, die meist zwischen 15 und 20°C liegen, sind für ein Training ideal. Den besonderen Reiz macht die allgegenwärtige Blütenpracht aus. In den Wäldern blühen Azaleen, der Boden ist von Blumenteppichen überdeckt, und unzählige Ginstersträuche verbreiten einen betörenden Kokosduft.
Trainingsgebiet
Bis auf die Umgebung größerer Städte eignet sich ganz Schottland als Trainingsgebiet. Prinzipiell gilt, je nördlicher und westlicher, um so einsamer das Land. Der Osten ist tendenziell flacher. Die teilweise geringe Straßendichte legt einen Wechsel des Trainingsgebietes nach mehreren Tagen nahe. Es ist von Vorteil, wenn man das Quartier in der Nähe vieler Straßenverzweigungen wählt.
Anreise
Schottland kann man mit dem Flugzeug oder eigenem PKW erreichen. Da nach dem Flug noch eine längere Anreise mit Bahn und Bus bis zum eigentlichen Trainingsort nötig ist, bietet der eigene PKW eine höhere Flexibilität. Schottland erreicht man mit dem eigenen Fahrzeug am bequemstem mit der Fähre Zeebruegge-Rosyth(bei Edinburgh).
Unterkunft
Ganz Schottland ist von einem Netz aus Hotels, Gasthäusern und Privatunterkünften überzogen. Diese sind im Mai nur an Wochenenden innerhalb und in der Nähe größerer Städte voll belegt. So ist es normalerweise möglich, in einem ausgesuchten Gebiet spontan eine Unterkunft zu finden. Wer nicht an drei oder vier Hotels erfolglos fragen möchte, kann auch durchs Internet eine Unterkunft reservieren.
Für Leute, die gern mit Wohnmobil oder -anhänger reisen, gibt es in Schottland viele Campingplätze, die auf deren Bedürfnisse ausgerichtet sind.
Essen
Schottlands Küche ist meist unkompliziert, dafür findet man mitten im Nirgendwo "Verpflegungsstationen", wie das bei Radfahrern beliebte Crask Inn an der A836. Radfahrend haben wir viel Gefallen an Scones, warmen Rosinenbrötchen serviert mit Butter und Marmelade, gefunden. Sie wurden zu unserer obligatorischen Stärkung bei der Tagespause.
Streckenplanung
Für das tägliche Planen der Trainingsstrecken eignen sich die Road Maps im Maßstab 1:250 000 von Ordnance Survey besonders gut. Die Blätter 1, 2 und 3 decken ganz Schottland ab. Besonders interessant ist, dass alle mit einer durchgezogenen Doppellinie markierten Straßen einen festen Belag haben. Dieser kann auf Seitenstraßen stellenweise rauh sein, ähnlich wie z.B. auf Fuerteventura. Vorsicht! Alle Distanzen sind in Meilen angegeben.
Abstand sollte man von Radfernrouten nehmen. Diese sind mehr an den Crossfahrer gerichtet und führen schon mal über eine Treppe oder Feldweg. Dagegen sind Sackgassen empfehlenswert, auch wenn man dann den gleichen Weg hin und zurückfährt.
Streckenempfehlungen
Unter schottischen Rennradfahrern ist die Assynt Coastal Route rund um den Quinag besonders beliebt. Diese kann z.B. vom Altnacealgach Motel am Loch Borralan unweit der Kreuzung der A837 und A835 angesteuert werden.
Die A939 rund um Tomintoul führt von Grantown-On-Spey bis Ballater über mehrere malerische Pässe. Tomintoul selbst ist eine gute Basis für Ausflüge in die nördlichen Grampians.
Die A861 bietet alleine bis auf ein kurzes Stück einen malerischen Rundkurs. Hier kann das Holly Tree Hotel in Kentallen an der A828 als Basis für Touren rund um Loch Linnhe und die westlichen Grampians dienen. Eine Umrundung des Loch Awe im Uhrzeigersinn ist als Leckerbissen zu empfehlen. Im Inverinan Forest auf Holztransporter achten! Plant man auch auf Mull zu Trainieren, so kann man mit Kombi-Tickets einiges an Fährpreisen einsparen, da u.a. etwaige Zuschläge für das Fahrrad wegfallen.
Sonstige Aktivitäten
In Schottland, der Heimat des Golfspiels gibt es entsprechend viele Plätze, auf denen man diesem Vergnügen nachgehen kann. Die Berge fordern alpinistische Aktivitäten geradezu heraus. Hillary übte für seine Mount-Everest-Besteigung in den Grampians. Wer es geruhsamer mag, kann Schottland als ein eimaliges Wandergebiet entdecken. Wegen der vielen Moore ist es oft ratsam, die Wanderungen in Gummistiefeln zu unternehmen.
Ersatzteilversorgung
Abgesehen von den großen Städten dürfte es schwierig sein, Ersatzteile für das Rad zu bekommen. Dies schließt auch Reifen und Schläuche ein. Man sollte daher eine gut ausgestattete mobile Werkstatt mitführen.
Fazit
Rennrad-Urlaub in Schottland erfordert viel Eigeninitiative, bietet dafür eine entsprechende Exklusivität. Rundkurse und Höhenprofile können flexibel an fast jeden Leistungsanspruch angepasst gewählt werden. Die Abgeschiedenheit unterstützt die Trainingseffizienz. Grandiose Landschaften und die familiäre Atmosphäre in den meist kleinen Unterkünften runden das Bild ab.
(mos)
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