Freizeit

Vom Schwarzwald zum Urwald

Madeira by bike

Man kennt die Blumeninsel ja seit über hundert Jahren als Wander- und Erholungsparadies. Aber schon mal gehört, dass man da unten im Atlantik auch herrlich biken kann? Wohl eher nicht. „Dort geht es doch nur steil rauf oder steil wieder runter“, lächeln meine Kollegen. Lassen wir uns überraschen.

Mein Kumpel Reiner lebt seit mehr als 20 Jahren dort und kennt jeden Zipfel auf dem Land und unter Wasser. Grund genug, die erste bike Station da unten auf zu machen. Da am ersten Tag das Wetter nicht so toll war, beschlossen wir einen Trip mit dem Auto zu machen, um einige Eindrücke schon mal vorab zu kriegen. Und ich muss sagen, die üppige Natur, der Geruch der Eukalyptusbäume, der Urwald, die riesigen Klippen… ich bin begeistert.

Am Abend besprechen wir die morgige Tour in der Bar Ventura bei einem kühlen Bierchen und irgend einem Tiefseefisch, eine Spezialität auf Madeira. Lecker!

Tour 1

Die Sonne scheint mir ins Gesicht, na dann mal raus aus den Federn. Wir fahren erst mal ein Stückchen mit dem Auto Richtung Bergwelt, raus aus dem Örtchen Canico nach Camacha, auf 700 hm. Bikes abladen und rein in den Dschungel.

Die ersten 11 km gehen praktisch eben an einer „Levada“ entlang. Levadas sind kleine, vom Menschen erbaute Flüsschen, die dazu dienen, Wasser aus den Quellen in den Bergen in die Dörfer zu bringen. Und da Wasser bekanntlich nicht bergauf fließt, sind die Dinger relativ eben gebaut. Und um die Flussläufe zu warten, sind seitlich kleine Wege entlang gebaut, die sich meistens ganz gut zum Rad fahren eignen. Für uns Biker astrein, um den Urwald zu genießen, ohne ständig Monsterberge hoch zu klettern. Hinter jeder Kurve beginnt ein neues Erlebnis. Die Natur ist so unglaublich vielfältig hier. Aber nicht zu früh freuen. Reiner biegt ab und wir stoßen auf eine Holzfällerstraße, die mal eben 3 km supersteil nach oben geht. Schmerzt schon etwas. Selten so einen steilen Anstieg gefahren. Lassen sich die Eingeborenen hier mit Ochsen hochziehen, oder was? Ist ja schon fast zu steil zum hochlaufen. Wir starten im Kiefernwald auf Waldboden mit Geröll und kommen, je höher wir uns rauf schwitzen in einen Eukalyptuswald. Eikalyptus riecht so intensiv, dass ich mir schon vorkomme wie ein Metholbonbon. Mann ist das steil hier, ich glaub es nicht. Nun wird auch noch der Boden glitschig, na prima. Also, jetzt Fuß runter – kommst du auf keinen Fall mehr in den Tritt. 40 Minuten geht die Qual da rauf. Aber als wir dann auf 1200 m oben sind, wird unser Keuchen belohnt: der Wald, mittlerweile gibt es hier Eukalyptus, Erikabäume und Lorbeerwald, öffnet sich wie der Vorhang in der Staatsoper und wir schauen auf eine neue Welt.

Kurz darauf geht es 3 km auf einer riesigen Schotterpiste den Berg wieder runter. Die Beine atmen einigermaßen auf. Dann biegen wir wieder runter von der Straße und fahren ein paar Meter auf einem Grasstreifen auf eine Art Klippe mitten im Urwald zu.
Was ist das für ein Ausblick! Über den Urwald hinweg sehen wir die 35 Kilometer weit entfernten Desrta Islands. Im Osten ragt die 15 Kilometer lange Landzunge Ponta Sao Lourenco in den Atlantik und nördlich davon im Hintergrund liegt Porto Santo. Wau! Mir bleibt erst mal die Spucke weg. Wir tanken ein paar Minütchen Energie, füllen unsere Flaschen mit frischem Gebirgsquellwasser auf und stürzen uns dann die nächste Abfahrt herunter. Verdammt technisch der run hier. Wir surfen zwischen Felsen und Gebirgsbächen hin und her. Man muss sich voll aufs Bike und den Untergrund konzentrieren, um nicht abzuschmieren, denn überall hier lebt der Stechginster, der zwar wunderschön aussieht, aber sehr schmerzhaft ist, wenn man sich drauf setzt.
Wir stoßen wieder auf eine Levada. So, nun aber mal entspannt. Die nächsten 3 km geht es gerade, bis wir wieder einen unmöglich zu fahren erscheinenden Pfad finden, den wir natürlich direkt ausprobieren. Sag mal Reiner, hast du überhaupt noch einen Plan, wo wir hier herumirren? Easy Mann, alles im Griff. Also, meiner Meinung nach haben wir uns gnadenlos im Dschungel verfranst. Nach ca. 5 km steht auch noch ein mit Moos und Wurzeln bewachsener Felsen vor uns. Der ist scheinbar erst vor 1000 Jahren hier herunter gerollt. Sackgasse! Das kann doch nicht wahr sein!
Wir schultern die Bikes und klettern über das schmierige Ding. Surprise, es geht weiter. Leider aber wieder so eine steile Rampe hinauf, nur ein paar Kilometer. Bin langsam am Ende. Aber am Gipfel angekommen hören wir in der Ferne Autogeräusche. Die Zivilisation hat uns wieder.
Wir brettern mit 70 plus eine Kopfsteinpflasterpiste runter und wir sind zurück am Auto. Ich sag mal: abwechslungsreich…..

Tour 2

Heute soll es technisch nicht ganz so anspruchsvoll werden. Startgate ist oberhalb von dem Korbflechterörtchen Camacho. Warm up ist erst mal wieder eine 10 km lange Levadastrecke, die „Levada de Tornos“.
Es fällt uns schwer, sich auf den Weg zu konzentrieren, da unsere Blicke immer wieder von der überwältigenden Umgebung abgelenkt werden. Pinien – Eukalyptus – und Zedernwald gehen nahtlos in einander über und zwischen drin allerlei merkwürdige Pflanzen, die ich noch nie gesehen habe. Ein merkwürdiger Duft liegt in der Luft. Hier gibt es Blumenbäume, die mal eben 10 Meter hoch sind.

Nach einer Stunde durchs Paradies rollen kommen wir zu einem fantastischen Aussichtspunkt und sehen Porto sao Lourenco. Verschnaufpäuschen. Rechts davon schwimmen die unbewohnten Desertas im tiefblauen Meer.
Weiter geht es auf einem schmalen Rasenpfad, der uns nach ca. 20 Minuten in ein Einheimischendorf mit nur 5 Häuschen führt. Man fühlt sich ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Die Häuschen sind aus Steinen und Lehm zusammengeschustert, die Dächer aus Farnen. Irgendwie komme ich mir vor wie im Hochland von Peru. Selbst die Leute hier tragen diese komischen Indianermützen mit Ohrenklappen wie in Südamerika.
Hier ist endgültig Sackgasse, dachte ich, doch unser Guide kennt mal wieder einen kleinen Schleichweg am Dörfchen vorbei. Sagen wir mal Trampelpfad - ist besser, vorbei an einem Gebirgsbach, in dem eine 100 Jahre alte Frau Wäsche wäscht. Vorbei an Zwiebel- und Kartoffelfeldern. Und plötzlich wird es wieder supersteil - zur Abwechslung mal nach unten. Wir heizen den schmalen Pfad hinunter und treffen wieder auf eine neue Levada. Das Weglein am Flusslauf ist nur 30cm breit. Interessant. In jeder Kurve jagt ein Balanceakt den nächsten. Links und rechts hängen Schlingpflanzen; Moose und Farne wachsen die steilen Felsen empor. Überall tropft Wasser von den Felswänden .Fast ein bißchen unheimlich. Wer weiß was da für Tiere auf uns warten?

Doch nun kommt der wohl gefährlichste Part der Tour. Vor uns liegen ca. 200 m Levada an einer Felswand entlang. Rechts Wand mit Pfad, links Levada, daneben 100m Abgrund. Du meine Güte!
Wir beschließen, doch lieber im Flusslauf zu fahren, anstatt Gefahr zu laufen, in die ewigen Abgründe des maderianischen Dschungels zu stürzen. Das Wasser ist Gott sei Dank nur 30 cm tief. So erscheinen die paar Meter eigentlich nur wie eine endlose Pfütze. Bloß nicht nach links schauen! Wir fahren vorsichtig um eine Kurve und vor uns ist ein winziger Tunnel, vielleicht einen halben Meter breit. Umhüllt von afrikanischen Liebesblumen und komischen Gewürzarten. Vorsichtig tasten wir uns mitten im Flusslauf dem Licht am Ende des Tunnels entgegen. Sehr beindruckend und vor allem feucht.
Als wir das Licht der Welt wieder erblicken, dauert es nicht lange und wir haben wieder eine Schotterpiste unter uns, die uns sicher zurück zum Auto bringt. Another perfect day???

Fakten

Madeira liegt im Atlantik, zwischen Portugal und Nord Afrika. Sie befindet sich auf dem gleichen Sockel wie die Kanaren, obwohl die mal eben 450 km weiter südlich liegen. Das Meer dort ist 5000 Meter tief, Madeira oben drauf noch mal 2000m hoch, gibt also eine Gesamthöhe von 7000 m! Da kann sich so manche Alpe dahinter verstecken.

Währung

Wie überall in Europa, da die Insel zu Portugal gehört zahlen wir auch hier in €.

Temperatur

Fast gleichmäßig 18° C das ganze Jahr durch, halt schön karibisch. Allerdings kann es in den Bergen schon mal richtig frisch werden, wenn es ein bisschen bläst. Windjacke ist Programm. Wasser hat selbst in den Wintermonaten noch 20° C. Jedoch gehen die Einheimischen nur im Sommer baden, weil Baden schließlich ein Sommervergnügen ist und kein Wintersport.

Karten, Infos, usw

Portugiesische Tourist Office

Events

Fast das ganze Jahr über jedes Wochenende MTB und Straßenrennen.

Essen

Fisch an der Küste, Fleisch in den Bergen. Nicht den Fehler machen und an der Küste Fleisch bestellen und umgekehrt …und nicht vergessen – reichlich Madeira Wein trinken!

Story und Fotos:
www.matt-pingel.com