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Systematisches Training begann in der Geschichte des Sports immer mit zunächst außergewöhnlichen Ideen. Spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts kamen aber auch immer mehr sportwissenschaftliche und biomechanische Erkenntnisse hinzu. So konnte das Training weiterentwickelt und große sportliche Leistungen erzielt werden.
Am 19.1.1984 gelang es dem Italiener Francesco Moser, bei seinem Stundenweltrekord erstmals die "Schallmauer" der 50 km zu durchbrechen und den über 11 Jahre alten Rekord von Eddy Merckx – 49,431km am 25.10.1972 – auf 50,808 km zu verbessern! Vier Tage später verbesserte Moser seinen Rekord nochmals. In den darauf folgenden Jahren schraubten andere Athleten (Obree, Boardman, Indurain, Rominger) den Rekord auf über 56km hoch.
Was davon übergeblieben ist, nachdem die UCI all diese Rekorde kurzerhand kassierte, den dreieckigen Normalrahmen wieder zur Norm und Eddy Merckx wieder zum Rekordhalter erklärte, sind die Trainingserfahrungen. Der Zusammenarbeit von Moser und Prof. Conconi etwa verdanken wir eine wichtige Erfindung, den Conconi-Test.
Der Conconi-Test
Beim Conconi-Test geht es um die "individuelle anaerobe Schwelle" – kurz: ANS. Obwohl Prof. Conconi die gar nicht erfunden hat, finden wir sie häufig unter der Bezeichnung "Conconi-Schwelle". Wie so oft war auch in diesem Fall der Verdienst des Wissenschaftlers nicht die Entdeckung selbst, sondern ihre Verbreitung und Popularisierung. Für einen Conconi-Test braucht man nicht mehr als eine flache Rundstrecke (oder Radrennbahn), Bleistift und Millimeter-Papier sowie eine Pulsuhr. Damit wurde es Tausenden von Radsportlern möglich, die ANS zur Trainingssteuerung zu nutzen.
Was ist die "individuelle anaerobe Schwelle"?
Unter Ausdauersportlern ist es allgemein bekannt: Hat man überdreht – ist man zu schnell angegangen oder hat man einen zu harten Zwischenspurt eingelegt -, braucht es eine Weile, bis man durch wesentlich langsameres Fahren die vorherige Leistungsfähigkeit wieder erreichen kann. Deshalb ist es besser, ein gleichmäßiges Leistungsniveau zu halten. Tatsächlich überschreitet man in diesem Moment des Überdrehens eine kritische Schwelle. Was dabei in den Muskelzellen passiert, kann man als das "Umlegen eines Schalters" beschreiben. Der Muskel kann nämlich nicht nur auf eine einzige Art Energie mobilisieren um Leistung zu bringen. Reicht die Energiemenge aus der bekannten Reaktionsgleichung Traubenzucker + Sauerstoff = Wasser + Kohlendioxid + Energie nicht mehr aus, gewinnt der Körper weitere Energie, indem er den Traubenzucker ohne Sauerstoffzufuhr verarbeitet – anaerob heißt das im Fachjargon. Allerdings entsteht Laktat dabei das Anion (= negatives Ion) der Milchsäure, das ab einer bestimmten Konzentration im Blut die weitere Sauerstoffaufnahme be- und verhindert. Der Muskel übersäuert, die Leistungsfähigkeit sackt weiter ab.
Trainingsmethoden: Vom Intervalltraining der 60er Jahre
Nichts ist nun naheliegender, als durch systematische Trainingsarbeit diesen Umschaltpunkt zu verschieben. Sehr frühzeitig hatte man bemerkt, dass ein häufiges Eindringen in den intensiven Bereich offenbar hilft, die Leistung zu steigern. Daraus wurde in den 50er Jahren die "Intervallmethode" geboren. Der britische Meilenweltrekordler Roger Bannister etwa absolvierte Serien von 4 Stadionrunden mit kurzen Pausen dazwischen anstatt immer wieder 1609 m (= 1 Meile) zu laufen. Für diese Methode brauchte man allerdings noch keine Bestimmung der ANS. Übrigens: Auch Bannister durchbrach eine Schallmauer im Sport – als erster Mensch lief er die Meile unter 4 Minuten.
Natürlich war diese Art Intervalltraining noch nicht der Weisheit letzter Schluss – wohl aber noch bis Ende der 70er Jahre im Ausdauersport, also auch im Radsport, sehr verbreitet. Moser und Conconi dagegen versuchten die ANS dadurch anzuheben, dass sie während des Trainings über lange Zeit versuchten, sich im sogenannten "aerob-anaeroben Übergangsbereich", also in jenem schmalen Korridor, in dem der Umschlag stattfindet, aufzuhalten. Bis heute ist auch diese Methode stark differenziert worden, aber der Erfolg gab ihnen zunächst recht.
... zur systematischen Trainingsarbeit in Trainingsbereichen
Heute gehen wir davon aus, dass ein gut trainierter Fahrer auf hohem Niveau Energie aus dem im Muskel befindlichen Glykogen (eine Form des Traubenzuckers) und zu geringeren Teilen aus dem körpereigenen Fett mobilisieren kann. In den anaeroben Bereich kommt er nur bei Zwischenspurts, Ausreißversuchen und im Endkampf. Obwohl ein austrainierter Fahrer viel seltener in den anaeroben Bereich kommt als der schlecht trainierte Sportler, kommt es auch bei ihm immer wieder zu kritischen Laktat-Konzentrationen.
Der Körper muss den Laktat-Abbau „lernen“, um die Energiereserven des anaeroben Bereichs zur Leistungsmobilisation nutzen zu können. Deshalb ist die individuelle Leistung an der anaeroben Schwelle neben der Maximalleistung wichtigster Orientierungspunkt für die Strukturierung des Trainings. Das Ziel ist und bleibt, dass Leistungsniveau in allen Bereichen anzuheben, um eine höhere Spitzenleistung zu erbringen.
Weiter zum 2. Teil: Die anaerobe Schwelle
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